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Artikel aus der Kategorie ‘Biografien’

Verliebte Feinde – Iris und Peter von Roten

Momentan halte ich vor allem nach Büchern Ausschau, die meine beiden Projekte „Biografien“ und „Schweiz verstehen“ unter einen Hut bringen. Es war eine logische Konsequenz, dass „Verliebte Feinde“ von Wilfried Meichtry auf meiner Leseliste landete. Die Doppelbiografie des Walliser Politikers, Anwalts und Journalisten Peter von Roten und der radikalen Feministin, Anwältin und Autorin Iris von Roten ist eine ausgesprochen spannende Lektüre. Das liegt zum einen am ungewöhnlichen Lebenskonzept und den Lebensläufen dieser beiden Intellektuellen, zum anderen aber auch am Autor Wilfried Meichtry, der die unübersehbare Fülle des Materials virtuos geordnet und in Form gebracht hat.

Beide Protagonisten waren leidenschaftliche Briefeschreiber, die über einen souveränen und stilistisch perfekten Umgang mit Sprache verfügten. Die zahlreichen Briefe und Tagebuchauszüge, die Meichtry im Original in die Geschichte eingefügt hat, machen die Erzählung daher besonders lebendig. Man erlebt in diesen Briefen mit, wie die Liebe der beiden heranreift, begleitet sie bei ihren schonungslosen Auseinandersetzungen miteinander und dem Kampf Peters mit seiner konservativen Familie, vor allem aber wird man Zeuge davon, wie die feministische Gedankenwelt der Iris von Roten auch Peter zu überzeugen beginnt.

Die Unerbittlichkeit und Geradlinigkeit mit der Iris von Roten ihre Ziele schon als junges Mädchen – als Iris Meier – verfolgt, lässt einen geradezu atemlos zurück. ‚So kann man also auch leben?!’ sagte ich mir manches Mal und fragte mich selbst, ob ich die Radikalität und Konsequenz dieser Frau, die sie oft an ihre persönlichen Grenzen brachte, nun bewundernswert oder beängstigend fand. Die Unterdrückung der Frauen in der Schweiz war in den Augen der Iris von Roten eine so himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass sie viel Energie und Zeit darauf verwendete und massive Anfeindungen in Kauf nahm, um dagegen zu anschreiben und zu reden. Allerdings erschien ihr Werk „Frauen im Laufgitter“ bereits 1958 und damit für die Schweiz zu früh – man warf ihr sogar vor, mit ihren radikalen Positionen die Volksabstimmung über das Frauenstimmrecht in der Schweiz negativ beeinflusst zu haben. Es dauerte dann ja auch noch bis 1971, bis die Frauen das Wahlrecht erhielten.

Es wird offensichtlich, dass wir jungen Frauen (ist man mit Mitte 40 noch jung? irgendwie schon) den Kämpferinnen von damals gar nicht dankbar genug sein können für das, was sie erreicht haben. Der gesellschaftliche Wandlungsprozess, der dafür notwendig war, wird in „Verliebte Feinde“ auf besonders eindrückliche Art und Weise greifbar.

Noch eine kleine Warnung zum Schluss: es ist ein dickes Buch (617 Seiten ohne Anhang) und es ist sehr ausführlich. Gleichzeitig liest es sich sehr gut und flüssig und die vielen Hintergrundinformationen, beispielsweise der Verweis auf damals gültige Gesetzestexte, empfand ich als hilfreich und notwendig. Wer mag, kann sich auch die Verfilmung anschauen – allerdings läuft sie momentan anscheinend nur noch in einigen Openair-Kinos. Ich habe sie selbst (noch) nicht gesehen, kann also keine Empfehlung dazu abgeben. Hier ist ein Link zu den Vorführungen in der Schweiz im Juni und Juli:

Verliebte Feinde Openair in der Schweiz.

Das Buch: Wilfried Meichtry: „Verliebte Feinde, Iris und Peter von Roten“, Verlag Nagel & Kimche

Schatzkästlein in Buchform: Das volle Leben

Das Leben schreibt die spannendsten Geschichten. Hier ist der Beweis: zwölf Frauenportraits versammeln sich in dem Buch “Das volle Leben. Frauen über achtzig erzählen” von Susanna Schwager. Und mir scheint, als müssten die Buchdeckel auseinander fliegen, so randvoll ist es mit Erlebnissen und Erkenntnissen, mit überraschenden Wendungen, bewegenden Alltagsschilderungen, gewonnenen und verlorenen Lieben. Würdevoll und gleichberechtigt stehen die Portraits nebeneinander, die Künstlerin, die Hebamme, die Sängerin, die Bergbäuerin, die jenische Zigeunerin … jede Erzählung ein kleiner Diamant, den die Autorin so in Form gebracht hat, dass ‘das volle Leben’ klar daraus hervorscheint. Besonders gut gefallen hat mir, dass die Stimme jeder einzelnen Frau deutlich vernehmbar ist, ihr Tonfall, ihre innere Haltung und Einstellung, keine Kamera hätte das besser einfangen können. Das ist umso bemerkenswerter, als die Frauen alle in ihrer Muttersprache Schweizerdeutsch erzählen, die ja bekanntlich keine Schriftsprache ist. Susanna Schwager schafft es, die ursprüngliche Diktion der Frauen in der hochdeutschen Übersetzung zu erhalten, ohne dass es bemüht oder gekünstelt wirkt. Noch während der Lektüre bestellte ich mir “Das volle Leben. Männer über achtzig erzählen” und wurde nicht enttäuscht. Es ist genauso bewegend und spannend – und der Vergleich der beiden Bücher war für mich sehr aufschlussreich. Im Begleitwort schreibt die Autorin, sie habe für das Männerbuch sehr viel mehr Material gehabt (und gebraucht), als für das Frauenbuch – die Männer brauchten länger, bis sie es schafften, nicht nur über ihre Rollen und Aufgaben zu sprechen, sondern auch über ihre Gefühle. Wenn sie es aber taten, waren die Schilderungen ebenso reich und bewegend, wie die der Frauen. Eine klare Leseempfehlung – und für Menschen, die eine Biografie oder Familiengeschichte aufschreiben wollen, fast schon eine lehrbuchmäßige Pflichtlektüre.

Susanna Schwager: “Das volle Leben, Frauen über achtzig erzählen” und “Das volle Leben, Männer über achtzig erzählen”, Piper Verlag

Die eigene Biografie schreiben – das Leben als Vorlage

auf der Terrasse ca 1939Immer mehr Menschen tragen sich irgendwann mit der Idee, ihre Lebenserinnerungen aufzuschreiben, wissen aber nicht recht, wie sie es anfangen sollen. Doch leider – oder zum Glück für mich als Biografin – die Vorlage für eine Biografie gibt es nicht.

Und so wird man bei seinem Vorhaben immer wieder mit dem Problem konfrontiert, Struktur in die eigene Gedankenwelt zu bringen. Dabei ist die nahe liegendste nicht unbedingt die schlechteste Lösung: Viele wenn nicht die meisten Lebenserinnerungen sind chronologisch aufgebaut: Kindheit, Herkunftsfamilie mit Eltern und Geschwistern, Schuljahre, Ausbildung oder Studium, Lebenspartner/Ehe und wieder Familie, Beruf, Karriere und dazu je nachdem chronologisch einsortiert: Reisen, Krisen, Krankheiten, Glücksfälle und Schicksalsschläge.

Familienbild 8. Juni 1941 Leipzig ref. Kirche Taufe JulchenDoch manch einem reicht das nicht. Irgendwie ist nicht alles gleich bedeutend und langweilen will man seine Leser (und seien es Familienmitglieder) ja auch wieder nicht. Es fehlt ein wenig kreativer Pfiff, das besondere Etwas. Oder es fehlt auch einfach nur der ”Mut zur Lücke”.

Das ist wenig erstaunlich. Als Experte für das eigene Leben ist die Aufgabe, die eigene Geschichte zu Papier zu bringen, leicht und schwer zugleich: Es ist leicht, weil man alle Fakten kennt und es ist schwer, weil man alle Fakten kennt. Fakten (Namen, Orte, Jahreszahlen) können blind machen für die Essenz der eigenen Biografie. Für die spannenden Querverbindungen und Erkenntnisse, derer man sich gar nicht mehr bewusst ist, weil sie zu einem gehören wie die Augenfarbe oder die Adern auf dem Handrücken.

Ein Tipp, wenn Sie bei Ihrem Vorhaben gar nicht weiterkommen: bitten Sie doch einmal Jemanden darum, Ihnen Fragen zu Ihrem Leben zu stellen. Nehmen Sie das Gespräch auf und hören Sie sich anschließend selbst zu. Wenn Sie einen guten Fragensteller gefunden haben, hilft Ihnen dieser Perspektivwechsel dabei, neue Ideen zu entwickeln, worauf es bei Ihrer Biografie ankommt, was Sie hineinschreiben und was Sie weglassen möchten.

Bloody Daughter – Filmportrait über Martha Argerich

„Ich bin die Tochter einer Göttin“ meint die Regisseurin Stephanie Argerich und es ist nur ein bisschen humorvoll gemeint. Denn ihre Mutter Martha Argerich ist nicht von dieser Welt. Das zumindest ist der Eindruck, den das Filmportrait der Tochter vermittelt: „Bloody Daughter“, in den Kinoprogrammen unter dem Titel „Argerich“ zu finden. Weiterlesen

Thea Leitner: Hühnerstall und Nobelball

An die österreichische Autorin Thea Leitner erinnere ich mich gut, denn 1989, als ich in der Buchhandlung arbeitete wurde ihr Sachbuch “Habsburgs verkaufte Töchter” zum Bestseller. Als ich daher kürzlich in einem vergessenen Bücherregal ein Taschenbuch von ihr entdeckte, “Hühnerstall und Nobelball, Leben in Krieg und Frieden, 1938-1955″, griff ich zu und hatte viel Spaß damit.

Das Buch ist ein Beispiel dafür, dass es nicht immer unbedingt eine Biografie sein muss. Thea Leitner schreibt episodenhaft. Die Anordnung der Erzählungen ist zwar chronologisch, doch lässt sie viele Dinge weg, die man in einer Biografie erwarten würde, statt dessen konzentriert sie sich auf einzelne Aspekte des Alltags. Als erfahrene Autorin weiß sie Pointen zu setzen, eine große Portion Selbstironie ist ebenfalls mit dabei. Wenn Sie die Idee haben, Ihre Biografie aufzuschreiben oder schreiben zu lassen, jedoch Bedenken haben wegen der Fülle des Materials und der Erinnerungen, ist das Buch eine sehr gute Anregung. Bei amazon kann man es gebraucht erstehen. (Übrigens gibt es auch einen ersten Teil der Erinnerungen “Jugendzeit damals”, den habe ich allerdings nicht gelesen.)

Foto: Verlag Ueberreuther

Katja Thimm: Vatertage

Sie planen Ihre eigene Biografie zu schreiben oder schreiben zu lassen oder die Biografie eines nahen Angehörigen? Dann ist das Buch Vatertage von Katja Thimm eine gute Anregung für Sie! Die Autorin versteht es, spannend und emotional zu erzählen, ohne dabei rührselig zu werden.

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Vikram Seth, Zwei Leben

In dem Buch “Zwei Leben” taucht der weltbekannte indische Autor Vikram Seth tief in die Lebensgeschichte seines Onkels Shanti und seiner Tante Henny ein,die sich in den 30er Jahren Berlin kennen gelernt hatten und im englischen Exil zueinander fanden. Aus Briefen, Gesprächen und Dokumenten montiert er die Lebens- und Liebesgeschichte der beiden und nimmt dabei sich selbst und seine eigenen Befindlichkeiten nicht aus. Insbesondere die Briefe der Tante Henny aus England nach Berlin, das sie als Jüdin während des zweiten Weltkriegs nicht mehr besuchen konnte und später nicht mehr besuchen wollte, sowie die Briefe ihrer Freunde an sie sind bewegend und berührend.

Manche Details sind in dem Buch etwas sehr ausführlich dargestellt. Dennoch, gerade wenn man sich mit dem Gedanken trägt die eigene Biografie aufzuschreiben (oder schreiben zu lassen) oder die eines nahen Angehörigen ist das Buch ein Gewinn: die Offenlegung der inneren Beweggründe und der Irritationen des Autors (also des Neffen in diesem Fall) sind eine gute Vorbereitung für den Weg den man vor sich hat.

Link zu Amazon, Vikram Seth, Zwei Leben

Unsere Mütter – unsere Väter: Doku im ZDF

Aktuell ist im ZDF der Dreiteiler „Unsere Mütter – unsere Väter“ zu sehen, heute Abend kommt der dritte Teil. In Bildern, die teilweise schwer zu ertragen sind schildert der Film die Schicksale von fünf Freunden Weiterlesen

Zwei Bücher gegen das Vergessen

Zwei sehr persönliche Auseinandersetzungen mit den Eltern und Großeltern findet man bei Christina von Braun (Jahrgang 1944) in dem Buch „Stille Post“ sowie bei Wibke Bruhns (Jahrgang 1938) in „Meines Vaters Land“. Weiterlesen

Meine Familie und der Spion

Sehr sehenswert: Vor einigen Tagen lief im Ersten am späten Abend eine Dokumentation aus dem Kalten Krieg: “Meine Familie und der Spion”. Darin erzählt die Autorin Rosalia Romaniec Weiterlesen

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