Wie man im letzten Jahr auf dem Sender Arte erfahren konnte, ist 1984 in Livorno, Italien, eine hübsche Geschichte passiert, die viel über die menschliche Psyche verrät – und über die Bereitschaft der Menschen, an etwas zu glauben. Livorno ist die Geburtsstadt des Künstlers Amedeo Modigliani. Und eine alte Geschichte besagte, dass dieser eines Tages von ihm gefertigte Skulpturen wütend im Kanal versenkt hätte, da seine Künstlerkollegen ihn wegen dieser Werke ausgelacht hätten. 1984 beschloss die Kuratorin des Museums, ein wenig im Kanal baggern zu lassen, auf dass man die verlorenen Skulpturen finden würde.

Man baggerte und baggerte, täglich kamen mehr Schaulustige und es war insgesamt ein vergnügliches Stelldichein. Drei Studenten hatten schließlich die Idee, einen eigenen Modigliani zu kreieren und im Fluss zu versenken. Gesagt, getan. Mit Hilfe einer Bohrmaschine schufen sie innerhalb weniger Stunden einen typischen Modigliani mit ovalem Kopf, langer Nase und kleinem Mund und ließen ihn in der Nacht in der Nähe des Baggers in den Fluss plumpsen.
Schon am nächsten Tag wurde der Kopf gefunden. Alle waren begeistert, froh und stolz, die Kuratorin zu Tränen gerührt. Professoren von verschiedenen italienischen Hochschulen bestätigten, wie einzigartig dieser Fund sei. Die Studenten freilich hatten nur einen Scherz machen wollen – waren jedoch keine Betrüger. Als dann auch noch eine Ausstellung organisiert wurde, gaben sie zu, die Skulptur mit Hilfe einer Bohrmaschine angefertigt zu haben. Die Sache hatte sich jedoch schon längst verselbstständigt. Keiner wollte die Version mit dem gefälschten Modigliani hören. Man warf den drei jungen Männern vor, sich nur wichtig machen machen zu wollen um diesen großartigen Fund irgendwie ins Lächerliche zu ziehen.
Plötzlich war es gar nicht mehr so einfach, die Wahrheit zu erzählen. Die Menschen in Livorno wollten sich ihren Modigliani nicht mehr wegnehmen lassen, verschiedene Professoren und Kunstkenner hatten bereits ihr Gesicht zu verlieren. Ein Foto, das die Studenten von sich und dem Kopf gemacht hatten, wurde als Fotomontage entlarvt, die Geschichte mit der Bohrmaschine schlichtweg nicht geglaubt. Erst als die drei vor laufenden Kameras einen weiteren echten Modigliani anfertigten, gelang es ihnen, das Publikum zu überzeugen.
Eine schöne Geschichte. Und sofort fängt man an zu überlegen, welche echten Scharlatane es wohl geben mag, denen die Menschheit aufgesessen ist und deren Lehre sich so verselbstständigt hat, dass dagegen nicht mehr zu machen ist. Erich von Däniken zum Beispiel, der seit Jahrzehnten munter die Mär von den Außerirdischen auf der Erde verkündet. Ihm sei zugute gehalten, dass er vermutlich selbst an den von ihm verzapften Unsinn glaubt.
Oder was würde passieren, wenn Sebastian Hahnemann, der Erfinder der Homöopathie, plötzlich aus dem Grab aufstehen und zugeben würde, das mit dem Verdünnen und dem Kreiseln und dem Schütteln habe er nur erfunden. Das sei in Wahrheit alles Quatsch. Ganz ehrlich, wer aus der großen Homöopathie-Gemeinde würde ihm glauben?
Der Placebo-Modigliani hatte auf Kunstfreunde eine ähnliche Wirkung, wie ein mit Wasser besprühtes Zuckerkügelchen auf einen Homöopathie-Anhänger. Der Kunstgenuss und die Selbstheilungskräfte sind in diesem Sinne etwas zutiefst Menschliches. Ob die Mittel “objektiv” wirksam sind ist im Grunde genommen völlig egal. Denn der Glaube versetzt bekanntlich Berge.